Neuheiten

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Hier wird nur eine Auswahl der neu angeschafften Bücher vorgestellt. Sämtliche Neuanschaffungen sind in der Bibliothek im Eingangsbereich zu sehen.

 

 

Juli Zeh – Corpus Delicti

Wir befinden uns in der Mitte des 21. Jahrhunderts in einer Art „Gesundheitsdiktatur“. Die Menschen leben in einem Überwachungsstaat: regelmäßig müssen sie sich Gesundheitskontrollen unterziehen, jeder muss ein tägliches Sportprogramm absolvieren, Rauchen und andere Genussmittel sind strengstens verboten (die Menschen trinken heißes Wasser statt Tee oder Kaffee), kurzum: Die Gesundheitsprävention ist die neue Religion der Menschen.

Das System, das über alle und jeden Bescheid weiß, wird im Roman die „Methode“ genannt. Die Hauptfigur ist die Biologin Mia Holl, die sich vor einem Schwurgericht verantworten muss, weil sie persönliche Hygiene, Fitness und Gesundheitsvorsorge vernachlässigt hat. Sie ist dem Staat ein Dorn im Auge: sie denkt eigenständig und tritt für ein selbstbestimmtes Leben ein. Auch die enge Beziehung zum Bruder, der wegen einer angeblichen Vergewaltigung verurteilt wurde, macht sie verdächtig. Aber sie wehrt sich.

Ein visionäres Buch, dessen Thematik und Erzählweise unter die Haut gehen. Zeh erzählt knapp und vor allem spannend über ein mögliches Zukunfts-Szenario. (biblio.at)

 

Ilija Trojanow – Doppelte Spur

Das Buch ist ein Bericht über die beiden Journalisten Ilija und Boris, die anonym Datensätze zugespielt bekommen, die sie analysieren und publizieren sollen. Es handelt sich um geheimdienstliche Informationen über die Verstrickungen des Donald Trump, wie seine Immobiliengeschäfte zur Geldwäsche durch den KGB und seine Nachfolgeorganisationen durch die russische Mafia und die putinschen Oligarchen genutzt wurden und werden. Dazu spielen geld- und machterhaltende Rechtssysteme, Mord, Pädophilie (Epstein) und die Macht von Fake News eine Rolle.

Der Protagonist sucht die Erklärung für den Auftrag in einer christlich-abendländischen Weltverschwörung, findet sie dann aber bei einem der Oligarchen.

Der Autor macht es den LeserInnen trotz der Datenfülle leicht zu folgen, im Prolog nennt er die Themen (politische) Gewalt und (finanzielle) Gier, die Inhalte des Buches sind dann namensreiche und vermutlich wahrheitshaltige Recherchen. Thrillerartige Spannung in dieser Welt aus Spionage und Gegenspionage kommt nie auf, die Figuren bleiben blass, die Dialoge gewollt witzig und alles endet mit einem moralischen Epilog, wo Ilija von einem gemeinsamen Aufstand gegen die Spaltung träumt (während die ihn umgebende Gesellschaft über ein Fußballtor jubelt).

Die Themen und Inhalte sind ZeitungsleserInnen leidlich bekannt, dem Roman fehlt die Geschichte. (biblio.at)

 

 

Ursula Poznanski – Cryptos

In ihrem neuen Climate-Fiction-Thriller für Jugendliche entführt die österreichische Bestsellerautorin Ursula Poznanski ihre LeserInnen in abenteuerliche virtuelle Welten. Sie entwirft das Bild einer ungewissen Zukunft, die vom Klimawandel und dem Fortschritt der Digitalisierung gezeichnet ist und von multinationalen Konzernen beherrscht wird. Ich -Erzählerin Jana arbeitet an einer Designstation, wo sie alternative Realitäten, die sich besser als das wirkliche Leben anfühlen, erschafft. Mittels Weltenpässen können die Menschen in diese höchst unterschiedlichen virtuellen Umgebungen wechseln, während ihre eigentlichen Körper in Kapseln liegen, die in tristen Wohndepots inmitten einer von Umweltkatastrophen verwüsteten Landschaft lagern. An diesen teils beschaulichen, teils gefährlichen, computersimulierten Orten hat der Tod seine Endgültigkeit verloren. Er bedeutet höchstens einen lästigen, kurzen Realitätsstop. Als es in einer von Janas Welten, im friedlichen Fischerdorf Kerrybrook, zu mysteriösen Ausfällen und einem Verbrechen kommt, begibt sich die clevere Jungdesignerin dorthin, um nach dem Rechten zu sehen. Bei ihrem raschen Weltenwechsel auf der Suche nach der Wahrheit wird sie bald selbst zur Gejagten und üble Machenschaften treten zutage…

In diesem actiongeladenen Spiegel-Bestseller setzt Ursula Poznanski viele aus Filmen und Videospielen vertraute Motive, Charaktere und Szenen zu einem neuen Ganzen zusammen. Die 446 Seiten umfassende Geschichte folgt den Gesetzmäßigkeiten eines Computer-Rollenspiels, Handlung und Schauplätze wecken viele Erinnerungen an bekannte Blockbuster wie Jurassic Park, Avatar, Total Recall, Matrix, Westworld uvm. Als LeserIn verfolgt man aus der Perspektive der Heldin das Geschehen hautnah. Diese rasant erzählte Dystopie präsentiert sich als Genrehybrid mit Elementen aus Fantasy, Science Fiction, Abenteuerroman und Detektivgeschichte plus einem Schuss Romantik. Die Themen Klimawandel, Umweltzerstörung und Digitalisierung dienen als politisch korrekte Kulisse und liefern einige Denkanstöße.

Ein klug konstruierter Thriller mit schlüssiger Auflösung und viel Fortsetzungspotenzial, der weiblichen wie männlichen LeserInnen ab 14 Jahren spannende und vergnügliche Lesestunden garantiert und jede Jugendbuchabteilung bereichert. (biblio.at)

 

 

Manfred Theisen – Uncover: Die Trollfabrik

Phoenix ist gerade 18 geworden und absolviert ein Praktikum bei der Berliner Tageszeitung, in welcher sein Vater das Politikressort leitet. Seine Freundin Sarah studiert Politik, ihre Eltern sind russischer Abstammung. Khalil ist der Computernerd. Gemeinsam betreiben sie einen YouTube Kanal namens Uncover, in dem sie mit kurzen Videos Missstände aufzeigen und gegen Gewalt eintreten.

Dann bekommt Khalil brisante Unterlagen über die russische Beteiligung am Krieg in Syrien zugespielt. Phoenix kündigt die Veröffentlichung auf ihrem Kanal an, was bei den Russen natürlich gar nicht gut ankommt.

Um davon abzulenken, inszenieren sie in der russischen Trollfabrik mit Sitz in Estland das Verschwinden eines 6-jährigen Jungen zu einer Entführung durch Araber, was eine Hasswelle zur Folge hat. Da sich Phoenix nicht einschüchtern lässt, wird ein Killer auf ihn angesetzt.

Es ist leider eine Tatsache, dass Trollfabriken existieren, nicht nur in Russland. Dem Autor ist es auch durchaus gelungen, diesen Aspekt deutlich zu machen.

Trotzdem hat man bald das Gefühl, in einer Story von Brezinas Knickerbockerbande gelandet zu sein. So kommt Phoenix, mittlerweile bekannt wie der sprichwörtlich bunte Hund, auf die Idee, allein nach Estland zu fahren, um sich inkognito in die Trollfabrik einzuschleichen und Beweise zu stehlen. Und die Erwachsenen schauen bewundernd zu den drei Helden auf. Hier hätte ein bisschen mehr Realität gutgetan. (biblio.at)

Andrew Cartmel – Murder Swing

Die A-Seite beginnt wie eine Parodie auf den „Malteser Falken“, „Chinatown“ oder „Müllers Büro“:

Ein Detektiv hat kein Geld und keine Zukunft, da kommt eine umwerfend schöne Frau mit einem Auftrag in sein Büro. Allerdings ist der Ich-Erzähler kein normaler Detektiv, sondern ein Experte für Jazz, der für Sammler alte und seltene Vinyl-Schallplatten sucht. #

Der Auftrag der hübschen Nevada Warren entpuppt sich allerdings als außergewöhnlich gefährlich, denn während normalerweise der Staub das größte Gesundheitsrisiko bei der Suche darstellt, sind diesmal auch Menschen, die vor Mord nicht zurückschrecken, hinter der gesuchten Scheibe her. (biblio.at)

 

 

 

Jonathan Safran Foer – Wir sind das Klima

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs und Jan Schönherr. Der Klimawandel ist zu abstrakt, deshalb lässt er uns kalt. Jonathan Safran Foer erinnert an die Kraft und Notwendigkeit gemeinsamen Handelns und führt dazu anschaulich viele gelungene Beispiele an, die uns als Ansporn dienen sollen.

Wir können die Welt nicht retten, ohne einem der größten CO2- und Methangas-Produzenten zu Leibe zu rücken, der Massentierhaltung. Foer zeigt einen Lösungsansatz auf, der niemandem viel abverlangt, aber extrem wirkungsvoll ist: tierische Produkte nur einmal täglich zur Hauptmahlzeit.

Foer nähert sich diesem wichtigen Thema sehr persönlich und mit wachem Blick und großem Herz für die menschliche Unzulänglichkeit. Und das Beste: Seinen Lösungsansatz können Sie gleich in die Tat umsetzen. (biblio.at)

 

 

 

Jonathan Safran Foer – Tiere essen

Wie viele junge Menschen schwankte Jonathan Safran Foer lange zwischen Fleischgenuss und Vegetarismus hin und her. Als er Vater wurde und er und seine Frau überlegten, wie sie ihr Kind ernähren würden, bekamen seine Fragen eine neue Dringlichkeit: Warum essen wir Tiere? Würden wir sie auch essen, wenn wir wüssten, wo sie herkommen? Foer recherchiert auf eigene Faust, bricht nachts in Tierfarmen ein, konsultiert einschlägige Studien und spricht mit zahlreichen Akteuren und Experten. Vor allem aber geht er der Frage auf den Grund, was Essen für den Menschen bedeutet. Auch Foer kennt die trostspendende Kraft einer fleischhaltigen Lieblingsmahlzeit, die seit Generationen in einer Familie gekocht wird. In einer Synthese aus Philosophie, Literatur, Wissenschaft und eigenen Undercover-Reportagen bricht Foer in „Tiere essen“ eine Lanze für eine bewusste Wahl. Er hinterfragt die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um unser Essverhalten zu rechtfertigen, und die dazu beitragen, dass wir der Wirklichkeit der Massentierhaltung und deren Konsequenzen nicht ins Auge sehen. (biblio.at)

 

Khaled Khalifa – Der Tod ist ein mühseliges Geschäft

Drei Geschwister machen sich auf den Weg, um ihren Vater zu beerdigen. Die Strecke in sein Heimatdorf wäre unter normalen Umständen eine Autofahrt von wenigen Stunden. Zu Kriegszeiten aber ist ein Durchkommen beinahe unmöglich. Das Mitführen der Leiche eines geliebten Menschen ist keine Ausnahme mehr. Die zahlreichen Kontrolleure an den Checkpoints wollen geschmiert werden. Es gibt keine Sicherheiten. Dass die Geschwister normalerweise kaum Zeit miteinander verbringen, erschwert die Sache. Sie versuchen aufgrund der Lage ein Team zu bilden, was ihnen aber nur schwer gelingt. Die ausweglose Lage und der Druck des letzten Willens lassen die Situation im Auto eskalieren.

Ein Roman mitten in den Krieg hinein. Die Protagonisten schälen sich aus ihren Rollen. Die klaren Hierarchien in der Familie beginnen zu verschwimmen. Es sind gescheiterte Leben, traurige Existenzen, die hier aufeinanderprallen. Die Unfähigkeit miteinander zu sprechen wiegt schwer. Bedrückend, emotional. (biblio.at)

 

 

 

Hayley Barker – Die Arena – Grausame Spiele

Willkommen zur tödlichsten Show der Welt – wo nur die Liebe dich retten kann.

London in der nahen Zukunft. Die Gesellschaft hat eine Spaltung vollzogen: Die Pures leben komfortabel und luxuriös, während die Dregs ausgegrenzt, geächtet und unterdrückt werden. Manchen Familien der Dregs werden ihre Kinder entrissen und zum „Zirkus“ gebracht, wo die jungen Artisten zum Amüsement der Pures hungrigen Löwen begegnen oder waghalsige Hochseilakte liefern müssen. Dort treffen Hishiko und Ben zum ersten Mal aufeinander. Sie als Hauptattraktion in der Arena, er als Zuschauer in der VIP-Loge. Es ist eine schicksalhafte Begegnung für sie beide…

Band 1 eines packenden Zweiteilers über den Kampf gegen ein tödliches System und die große Kraft der Liebe. (biblio.at)

 

 

Carmen Buttjer – Levi

Ein Zelt auf einem Hausdach in Berlin – es ist Sommer und Levi ist abgehauen.

Zwar wohnt ein paar Stockwerke unter seinem Lager immer noch sein Vater, aber von dem hat er noch nie viel mitbekommen. Und jetzt, nachdem er die Urne seiner Mutter auf der Beerdigung gestohlen hat, kann er sich sowieso nicht mehr blicken lassen. Tigerschatten springen zwischen den Dächern, sitzen Levi im Nacken und streifen um die Urne – derselbe Tiger, der seine Mutter getötet hat, davon ist Levi überzeugt, auch wenn er in letzter Zeit viel zu schnell erwachsen werden musste und es eigentlich besser weiß. Im Kampf mit dem Verlust sucht der Junge sich seine eigenen Verbündeten: Da ist der mysteriöse Vincent, der mit ihm durch die Stadt fährt und im selben Haus wohnt, aber bis auf ein paar zwielichtige Geschäfte kaum etwas von sich preisgibt. Und Kolja, der Kioskbesitzer, für den Gedächtnisschwund noch immer die beste Art ist, sein Leben zu bewältigen – ausgelöst durch jede Menge Whiskey. Aber die Erinnerungen tauchen genauso hartnäckig aus der Vergangenheit auf wie Koljas Bilder aus seiner Vergangenheit als Kriegsfotograf, die er in einem Hinterzimmer seines Kiosks immer noch entwickelt. (biblio.at)

 

 

Thekla Krausseneck – Cronos Cube

Game on: Es steht alles auf dem Spiel

2030. Europa ist zum Überwachungsstaat geworden. Die Menschen flüchten sich in das Virtual-Reality-Spiel Cronos Cube, das Erfahrungen bereithält, die sich so echt anfühlen wie das echte Leben. Die besten Freunde Zack und Lachlan leben im Bundesstaat Irland. Zack hat sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen arrangiert, Lachlan dagegen ist strikter Gegner des Systems. Cronos Cube würde er aus Prinzip nie betreten – doch ausgerechnet in dieses Spiel wird er entführt. Und Zack muss sich durch die Cronos-Fantasywelt kämpfen, um ihm zu retten. (biblio.at)

 

 

 

Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann

Luise, eine aufgeweckte Zehnjährige, unterscheidet sich äußerlich nicht besonders von anderen Mädchen in ihrem Alter. Ärgerlich, dass sich ausgerechnet jetzt ihre Eltern scheiden lassen und keine Zeit mehr für sie haben. Daher wächst sie bei Großmutter Selma und ihrem Freund, dem Optiker, auf, lernt Dinge wie Fahrradfahren, Schwimmen, Uhren und Speisekarten lesen. „Eisbecher Heimliche Liebe war das Erste, was ich lesen konnte“, berichtet Luise stolz (S. 29). Das unbeschwerte Leben des Mädchens wird durch den Tod nahestehender Personen durcheinandergewirbelt.

In jedem der drei Romanteile werden die LeserInnen mit dem Sterben konfrontiert. Mehr noch: Luise kann in ihren Träumen den Tod voraussehen. Immer wenn ihr nachts ein Okapi erscheint, stirbt kurz darauf jemand. Doch das Erzählte wirkt alles andere als düster.

Mit einem feinen Gespür für Beobachtungen und skurrile Situationen bringt uns die in Köln geborene Autorin zum Schmunzeln, arbeitet mit Metaphern und Wiederholungen, die das Besondere des Romans ausmachen. Themen wie Familie, Geborgenheit, Resilienz, Sterben und Tod sind darin wunderbar miteinander verwoben. Eine Hommage an das Leben! (biblio.at)

 

 

Marc-Uwe Kling – QualityLand

Peter bekommt von einem Online-Versand eine Ware zugestellt, die er nicht bestellt hat und die er nicht haben will. Der Versuch, das Produkt zurückzuschicken, entwickelt sich immer mehr als Kampf Don Quijotes gegen die Windmühlen und endet beinahe in einem Heldenepos.

Aha, eine lustige Dystopie, denkt man sich zu Beginn des Romans. In einer nicht allzu fernen Zukunft weiß der Computer, was man sich wünscht. Der Kühlschrank bestellt automatisch fehlende Lebensmittel, Kunden, die dieses Produkt gekauft haben, interessieren sich auch für… Man kennt das jetzt schon. Kling treibt das unterhaltsam auf die Spitze, mit einer Liebesgeschichte und ein bisschen Freiheitskampf-Atmosphäre. Aber je länger man liest, umso mehr erkennt man, wie sehr sich der Autor in dieses Thema vertieft hat.

Fast philosophische Abhandlungen über die Eigenständigkeit des Individuums in einer Welt der Gleichschaltung und die Bewahrung der Meinungsvielfalt trotz ständig geforderter Vergleichbarkeit strömen einem ungezwungen und selbstironisch ebenso entgegen wie klare Erklärungen, warum in der grenzen- und zeitlosen Welt des Internets, wo jeder überall kaufen kann, alle bei Amazon kaufen. „Wollen Sie dieses Buch für Ihre Bibliothek anschaffen?“, fragt der Bildschirm. Die einzige Antwortmöglichkeit ist der Button „OK“. (biblio.at)

 

 

Blaine Harden – Flucht aus Lager 14

Die von Blaine Harden geschilderte Flucht eines jungen Mannes aus einem scheinbar völlig ausbruchsicheren nordkoreanischen Straflager, sein Leben davor und danach ist schwer verdauliche Kost. Shin Dong-hyuk wird 1982 als Kind politisch inhaftierter Eltern im Lager 14 geboren und darf fortan nur eine vom diktatorischen System vorgegebene, eng begrenzte Welt kennen lernen. Zehn Regeln der Unmenschlichkeit müssen alle Lagerinsassen täglich präsent haben, bei Nichteinhaltung drohen Nahrungsentzug, Demütigung, Verschärfung der Strafarbeit oder sogar die Todesstrafe. Hass, Gewalt, Schwerstarbeit, Hunger und ein unerträgliches Klima der Denunziation beherrschen den grausamen Alltag. Shin verrät sogar seinen Bruder und seine Mutter, deren Fluchtpläne ohne ihn ablaufen sollten, als er dies zufällig bemerkt. Als beide gehenkt werden, ist er unter den vielen Zwangszuschauern. Ihm selber jedoch gelingt die Flucht. Seinen einzigen Helfer und halbwegs Vertrauten muss er unter dem tödlichen Elektrozaun zurücklassen. Das Leben danach, jenseits des Zaunes, in China, Südkorea und in den USA gestaltet sich als einzige Odyssee. Später sagt Shin selbst: „Ich entwickle mich aus einem Leben als Tier“.

Diese authentische Geschichte ist bei aller Dramatik sehr spannend und informativ geschrieben. Man erfährt viel über Leiden, Unfreiheit, politischen Drill und Hungersnöte der Nordkoreaner, deren für Fremde unzugängliches Land meist nur durch militärische Drohungen Schlagzeilen macht. In der neuen, verwirrenden, lebensgierigen westlichen Welt war es für Shin oft schwer zu entscheiden, inwieweit er sein Innerstes, soweit er sich überhaupt noch richtig an alles erinnern konnte, preisgeben durfte und wollte. Das menschenverachtende Lagerklima und danach das langsam aufkommende Gewissen verfolgten ihn in Alpträumen noch lange nach seiner Flucht. Der Autor hat sich in überzeugender Weise bemüht, die wirklichen Umstände dieses schlimmen Schicksals ans Licht zu bringen. Sehr lesenswert. (biblio.at)

 

 

Patricia McCormick – Der Tiger in meinem Herzen

Arn wuchs in den 1970er als eines von vielen Kindern einer angesehenen Künstlerfamilie in Kambodscha auf, die durch den frühen Tod des Vaters an Ansehen und Stand verlor, sodass Arn nicht die Schule besuchen konnte. So erlebte er eine einfache aber nicht unglückliche Kindheit, die mit der Machtübernahme der Roten Khmer im Jahr 1975 jäh beendet wurde. Arn wurde so im Alter von zwölf Jahren von seiner Familie getrennt und in ein Arbeitslager verfrachtet.

Die knapp vier Jahre, die er dort überlebt, bilden das Zentrum des Romans und schildern ein grauenvolles Martyrium, an dem Arn erstaunlicherweise wächst, aber auch das Hassen lernt. Er erlebt den Massenmord und Sadismus der Roten Khmer hautnah mit, wird sogar selbst zum Komplizen befohlen, existiert in Gewissens- und Überlebensnöten bei Mangelernährung, Schlafentzug und hartem Arbeitseinsatz. Gerettet wird er von der Musik, als er in eine Orchestergruppe integriert wird, die die Führungsriege unterhalten soll. Durch die Anerkennung, die er als Khim-Spieler erfährt, erhält er Privilegien, die ihm dann und wann Essen und etwas Macht in die Hand spielen, mit der er einige Menschen vor dem Hass der Roten Khmer retten kann. (biblio.at)

 

 

Marko Dinic – Die guten Tage

Ein zorniger junger Mann fährt von Wien in die Heimat seiner serbischen Familie, erinnert sich an seine Kindheit im Krieg und klagt die Vätergeneration als Verbrecher an. (DR)

Vulgär, brutal, großkotzig. Stinkende Kettenraucher. Frauen verachtende Machos. Am Sliwowitz hängende Spiegeltrinker. Wer die Passagiere im Überlandbus von Wien nach Belgrad so beschreibt, muss selber Serbe sein. Andernfalls würde man ihm unterstellen, er schüre übelste Vorurteile gegen die „Balkanesen“. Der in Belgrad aufgewachsene Marko Dinic darf sich diesen schonungslosen Blick erlauben, zumal er auch zu sanfteren Tönen fähig ist. So schildert er die Geduld und Demut vieler Gastarbeiter, die sich kaputtrackern, um ihren Kindern ein besseres Leben in Deutschland oder Österreich zu ermöglichen. Der junge Ich-Erzähler, der nicht mit dem Autor in eins zu setzen ist, fährt mit dem Bus in das Herkunftsland seiner Familie, um am Begräbnis seiner Großmutter teilzunehmen. Die Reise weckt in ihm traumatische Erinnerungen an den Balkankrieg, der seine Kindheit überschattete. In nächtlichen Gesprächen mit einem mysteriösen, vielleicht nur geträumten Sitznachbarn, der vermutlich Schriftsteller ist, rechnet der Erzähler jedoch vor allem mit seinem Vater ab: Der Ministerialbeamte hat alle Regierungswechsel seit Tito unbeschadet überstanden und sich vom Kommunisten zum orthodoxen Nationalisten gemausert. Als „stummer Schurke, eines jener gesichtslosen Exemplare, ohne die kein von Menschen gemachtes System langfristig überleben könnte“, vertritt er eine Generation, die „in den Neunzigern viel Scheiße gebaut“ hat. Hinter dieser Formel verbergen sich nicht nur Eigennutz und Rückgratlosigkeit, sondern auch ungesühnte Kriegsverbrechen.

Bei so viel Zorn und Bitterkeit sollte man den Grundton der Zärtlichkeit und tiefen Trauer in diesem Buch nicht überhören. Der 1988 geborene, heute in Wien lebende und auf Deutsch schreibende Marko Dinic versteht es, intensive und auch widerstreitende Gefühle mit großer Sprachkraft zu beschwören. Sein Romandebüt etabliert ihn als bedeutende Stimme der jungen Gegenwartsliteratur. (biblio.at)

 

 

Ursula Poznanski – Erebos 2

Als Nick auf seinem Smartphone ein vertrautes Icon in Gestalt eines roten E entdeckt, glaubt er zuerst an einen Zufall. Aber dann wird ihm klar: Erebos hat ihn wiedergefunden …

Der sechzehnjährige Derek hingegen ist nur kurz misstrauisch, als das rote E auf seinem Handy aufleuchtet. Zu spät begreift er, dass er selbst zu einer Spielfigur geworden ist. Und es um viel mehr geht, als er sich je hätte vorstellen können …

Wo würde Erebos in unserer allseits vernetzten Gegenwart wieder auftauchen? Auf dem Smartphone, auf Facebook, auf Twitter? Was würde es über WhatsApp, Youtube oder Instagram anrichten? (biblio.at)

 

Ursula Poznanski – Saeculum

Die Technikaffinität der so genannten Digital Natives wird immer wieder öffentlich diskutiert. Dennoch gibt es nicht wenige Jugendliche, die das Gegenteil lockt: der anachronistische Reiz von Mittelalter-Festivals oder möglichst originalgetreuen Rollenspielen. War es in ihrem ersten, von der Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises ausgezeichneten Roman „Erebos“ die Welt der Computerspiele, denen sich Ursula Poznanski gewidmet hat, ist es nun ein ausgerechnet im österreichischen Wieselburg angesiedeltes Mittelalter-Rollenspiel. Protagonist Bastian, ein ehrgeiziger Medizinstudent, ist nur durch den Charme eines Mädchens zur eingeschweißten Gruppe dazu gestoßen und nicht ganz sicher, was er von dem ganzen Szenario halten soll – zumal eingangs radikal alles abgesammelt wird, was im 14. Jahrhundert (daher auch der Titel von Spiel und Buch, Saeculum) noch nicht erfunden war. Dies gilt nicht nur für Luxusdinge wie Handy und Schokolade, sondern auch Bastians Brille – ein Detail, das im weiteren Verlauf der Handlung noch folgenschwer sein wird. Denn schnell kippt die Stimmung, als immer mehr Mitglieder der Gruppe spurlos verschwinden. Mit Bastians ständigen Rationalisierungsversuchen bleibt bis zum Ende des spannend erzählten Textes in der Schwebe, ob es sich, wie einige der zunehmend panisch werdenden Mitspieler_innen vermuten, um einen alten Fluch handelt, es für alles eine logische Erklärung gibt, oder ein Mörder sein Unwesen treibt… So wird auf knapp 500, in aufwändiger Buchgestaltung verpackten Romanseiten gerätselt, verdächtigt, geliebt, gehungert, und schließlich in an Texte wie „Herr der Fliegen“ erinnernder Radikalität (fast) bis zum Äußersten gegangen. (biblio.at)

 

Gavin Extence – Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat

Alex Wood ist 10 Jahre alt, als er in seinem Wohnzimmer von einem Meteoriten getroffen wird. Davon trägt er eine Schädelverletzung, die ihn für zwei Wochen ins Koma stürzt, epileptische Anfälle auslöst und zu einer einschlägigen Berühmtheit macht.

Alex ist auch sonst in vielerlei Hinsicht anders als Gleichaltrige: er liest gern und viel, er lernt mit Begeisterung, in der Schule ist ihm die Zeit zwischen den Pausen am liebsten. Er hat eine hellseherisch begabte Mutter, die Karten legt und einen Esoterik-Laden führt. Und er pflegt freundschaftliche Kontakte mit seinem Neurologen und der Astrophysikerin, die seinen Eisen-Nickel-Meteoriten untersucht.

Auf der Flucht vor seinen aggressiven Mitschülern lernt er eines Tages den eigenbrötlerischen Mr. Peterson kennen, der mit Vorliebe Bücher von Kurt Vonnegut liest und eine Hanfzucht auf dem Dachboden betreibt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine tiefe Freundschaft. Sieben Jahre später wird Alex mit 113 g Marihuana und einer Urne am Beifahrersitz von der Polizei an der Grenze in Dover aufgehalten. Und in diesem Moment erzählt er die Geschichte dieser ungleichen Freundschaft.

Gavin Extences Debutroman ist eine höchst komische, philosophische und berührende Geschichte über einen Jungen, der anders ist und eine ganz eigene Weltanschauung hat. Die Geschichte liest sich leicht und ist unterhaltsam, ist aber gleichzeitig intelligent, vielschichtig und birgt viele (Lebens-) Weisheiten in sich. Der Wechsel zwischen komischen und melancholischen Momenten macht dieses Buch so interessant und reizvoll. (biblio.at)

 

 

Daniel Wisser – Königin der Berge

Etwas, was schwer zusammenzugehen scheint: Humor und Sterbehilfe. Dass es geht, zeigt der Roman von Daniel Wisser eindrucksvoll. Sein Protagonist ist Robert Turin. Alter: Mitte vierzig. Diagnose Mitte zwanzig: Multiple Sklerose. Darum hat er sich vor Jahren in ein Pflegeheim einweisen lassen. Seit einiger Zeit benötigt er einen Rollstuhl, ein Harnkatheter musste gesetzt werden. Eine Heilung ist nicht in Sicht, ganz im Gegenteil, sein Zustand verschlechtert sich kontinuierlich. Deshalb will er auch seinem Leben ein Ende setzen, allerdings braucht er dazu Hilfe. Und ob er an die – nach einem missglückten Selbsttötungsversuch – gelangt, darin besteht eines der Spannungselemente dieses vergnüglichen und hochkomischen Romans. Denn Robert Turin versinkt nicht in Schwermut und Depression. Mit seinem Humor, aber auch mit seiner Boshaftigkeit hält er das Personal auf Trab, mit seinem Charme gewinnt er die Psychologin. Er trinkt Alkohol, führt Dialoge mit seinem verstorbenen Kater, nimmt auf eigenwillige Art Abschied von seiner Frau, die er noch immer liebt, und informiert sich per Laptop darüber, wie er nicht doch noch in die Schweiz gelangen könne, um dort assistierten Suizid zu begehen. Es entsteht ein facettenreiches Bild der Pflegestation, viel Wissenswertes über Krankheit und Tod fließt mit ein. Manchmal bietet der Autor auch zwei Versionen von Dialogen/Monologen, Tabuisiertes wird im Text durchgestrichen, aber bleibt natürlich lesbar. So werden ganz unkompliziert alternative Denk- und Lesarten eröffnet und Möglichkeiten durchgespielt. – Das Buch bietet beides: eine niveauvolle Auseinandersetzung mit dem Tabuthema Sterbehilfe und einen furiosen und höchst unterhaltsamen Roman. Der Österreichische Buchpreis 2018 gebührt ihm zurecht. (biblio.at)

 

 

Gordon Korman – Masterminds

Eli und sein Freund Randy leben zusammen mit 189 anderen Menschen im geradezu paradiesischen Ort Serenity in New Mexiko. Es gibt keine Kriminalität, kein Mobbing in der Schule, dafür Arbeit für jeden und Wohlstand. Doch dann will Eli mit Randy eine Erkundungstour machen und bricht an der Ortsgrenze mit unerträglichen Schmerzen zusammen. Offenbar soll verhindert werden, dass Eli und einige andere den Ort verlassen. Randy, der nicht davon betroffen scheint, wird unter einem Vorwand aus dem Ort geschafft und Eli verliert jeden Kontakt zu ihm. Misstrauisch geworden, entdeckt Eli mit seinen Freunden schließlich Ungeheuerliches: Sie sind Teil eines Ethik-Experiments, das eigentlich verboten wurde und jetzt im Geheimen weitergeführt wird.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Sicht der sehr ungleichen Freunde Eli, Amber, Malik, Tori und Hector erzählt, die anfangs mehr eine Zweckgemeinschaft bilden. Als ihnen klar wird, dass sie in Lebensgefahr schweben, planen sie ihre gemeinsame Flucht.

Die Protagonisten entsprechen den Klischees, wie man sie aus anderen Jugendbüchern kennt: Eli, Durchschnitt in der Schule, aber clever und der, der den Überblick bewahrt und deshalb von den anderen die Rolle des Anführers zugeteilt bekommt. Tori, mit der man Pferde stehlen kann; Amber, die brave Angepasste, die einfach nicht wahrhaben will, dass etwas faul ist im Paradies. Malik, der große, kräftige Sportlertyp mit der ebenfalls großen Klappe, der seine Witze meistens auf Kosten seines ihm treu ergebenen Sidekicks Hector reißt. Und der kleine Hector, der bei weitem mutiger ist, als alle von ihm glauben und der genau weiß, wie viel Rüpel Malik in Wirklichkeit von ihm hält.

Trotz dieser Klischees eine durchaus spannende Geschichte, die gar nicht so weit hergeholt scheint. (biblio.at)

 

 

Doris Knecht – Alles über Beziehungen

Eigentlich könnte er einem schon leidtun: Der demnächst 50-jährige Kulturmanager und Festivalleiter Viktor, der unter dem Diagnosedeckmäntelchen Hypersexualität seiner ungezügelten Triebhaftigkeit frönt und als Nichtführerscheinbesitzer von einer Bettgespielin zur anderen radelt. Auf dem Rad kann er sich dabei seiner Aggressivität gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern verbal entledigen. Eigentlich leidet er seit seiner Kindheit darunter, aufgrund seiner durchschnittlichen Erscheinung nicht wirklich wahrgenommen zu werden. Das kommt ihm jetzt bei seinen vielen Partnerinnen zugute, die ihn als zuverlässigen, nicht allzu aufdringlichen Liebhaber schätzen. Allerdings möchte ihn Magda, die Mutter seiner drei jüngeren Töchter (insgesamt hat er fünf mit drei Frauen), endlich zum Heiraten bewegen. Dazu ist Viktor aber gar nicht geneigt, auch nicht dazu, seinen anstehenden fünfzigsten Geburtstag zu feiern. Er hat also viel Stress, der zwangs-läufige und genital getriebene Protagonist – aber nicht nur im Kulturbetrieb, sondern vor allem damit, seine vielen Frauenkontakte geheim zu halten, Handy- und Social-Media-Botschaften zu kontrollieren und seine Vielweiberei intellektuell zu kaschieren. Letzteres macht er mittels einer Art Psychotherapie, die ihn dann entlasten sollte, falls ihm Magda einmal auf die Schliche käme.

Spritzig, böse und schnoddrig erzählt, Wortwitz und Kalauern nicht abgeneigt, sprachlich und kommunikationstechnologisch auf der Höhe der Zeit, allerdings auch mit etlichen Längen und zum Teil mehr behauptend als darstellend bzw. erzählend. Der Titel führt auch ein bisschen in die Irre. Trotzdem: ein intelligentes Lesevergnügen…! (biblio.at)

 

 

Günter Wels – Edelweiss

Eingerahmt von der Beschreibung des Lynchmordes an einem grausamen, verräterischen SS-Mann im Herbst 1945, wird die Geschichte von zwei Wehrmachtsdeserteuren erzählt, die in den letzten Kriegsmonaten zu den Amerikanern übergelaufen sind und bei der Befreiung ihrer Heimat vom Hitler-Faschismus ihre Hilfe anbieten. Um die Wahrheit über die deutsche „Alpenfestung“ herauszufinden und sie den Alliierten zu melden, sollen die beiden Männer mit dem Fallschirm nahe Salzburg abspringen. Für den Einsatz wurden sie im Elsass vorbereitet und mit einem Decknamen und einer falschen Vita ausgestattet. Bei dieser waghalsigen Aktion geht so ziemlich alles schief. Die beiden Deserteure Mahr und Willi werden getrennt und überleben die letzten Kriegsmonate mit viel Glück.

Christine, die Tochter des sterbenden Ökonomieprofessors Maurer, entdeckt auf dessen Schreibtisch den Entwurf eines Romans über diese Widerstandsaktion und kann ihrem Vater noch die Bestätigung entlocken, dass das in Wahrheit seine eigene Geschichte ist und dass sich hinter Willi der Nennonkel Kurt aus Bad Goisern verbirgt. Von ihm erhält sie Aufklärung über eine beunruhigende Leerstelle im Manuskript.

Der Autor Günter Wels, unter dem Namen Kaindlstorfer bekannt als seriöser Literaturkritiker und Hörfunkjournalist, hat die Geschichte des Zweiten Weltkrieges sehr genau recherchiert und die fiktive Handlung, die ebenfalls auf historischen Fakten basiert, in die Schilderungen der letzten Kriegsmonate eingebettet. So entsteht ein in sachlichem, manchmal auch saloppem Ton gehaltener Roman, der trotz sperriger Passagen durchaus spannend, vor allem aber erhellend ist, denn er behandelt den Widerstand damals und nimmt auch die gegenwärtige gesellschaftliche Situation in den Blick. Lesenswert! (biblio.at)

 

 

Andreas Eschbach – NSA

Weimar, 1930er Jahre. Die Nazis haben bereits ihr Terrorregime errichtet. Soweit kennt man die Geschichte. Doch beim neuesten Roman von Eschbach wurde bereits der „Komputer“ erfunden, es gibt tragbare Telephone, mit denen man auch im „Weltnetz“, im Deutschen Forum und anderen Gemeinschaftsmedien surfen kann. Bargeld wurde abgeschafft und das „Programme stricken“ ist fest in weiblicher Hand, weshalb das Anleitungsbuch dazu auch in Rosa gehalten und mit Blümchen verziert ist.

Eine der talentiertesten „Programmstrickerinnen“ ist die junge Helene Bodenkamp, die für das weitestgehend unbekannte Nationale Sicherheits-Amt, kurz NSA, arbeitet. Sie ist Eugen Lettke unterstellt, der deutlich weniger begabt ist und seinen Zugriff zu den Daten dafür nutzt, Kompromittierendes über Frauen herauszufinden, um sie sich so gefügig zu machen.

Helene gibt im Amt ihr Bestes und hat viele neue Ideen für detaillierte Abfragen. Bis ihr klar wird, wozu die Daten gebraucht werden: Mithilfe ihrer Programme können untergetauchte Personen aufgespürt werden, unter ihnen auch eine gewisse Familie Frank im besetzten Holland.

Dann verliebt sich Helene in einen Deserteur, der bei einer befreundeten Familie auf einem Bauernhof Unterschlupf gefunden hat. Bald ist sie verzweifelt damit beschäftigt, Abfragen und Daten soweit zu manipulieren, dass Untergetauchte nicht mehr aufgespürt werden können. Doch dann hilft sie unwissentlich dabei mit, ein selbstdenkendes Komputerprogramm zu entwickeln und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Es ist eine erschreckende Welt, die Eschbach hier entwirft. Und sie ist unserer nicht so weit entfernt, denn die technischen Möglichkeiten bis hin zum umfangreichen Speichern persönlicher Daten hat er natürlich der Gegenwart entnommen. Noch trennt uns die Demokratie von einer Gesellschaftsordnung, wie Eschbach sie hier schildert, aber die technischen Voraussetzungen dafür gibt es schon.

Apropos Technik – man muss keine Angst haben, dass es hierbei zu sehr ins Detail geht. Vielmehr steht mit Helene die Entwicklung einer anfangs naiven, aber sehr intelligenten jungen Frau im Mittelpunkt, die verzweifelt versucht, sich in all dem Wahnsinn ihre Menschlichkeit zu erhalten. Auch die anderen Personen sind sehr stimmig durchgezeichnet, sodass der doch recht umfangreiche Roman bis zum Schluss sehr, sehr spannend bleibt. Unbedingte Leseempfehlung! (biblio.at)

 

 

Thomas Raab – Walter muss weg

Hannelore Huber hat es wirklich nicht leicht gehabt in ihrem Leben. Zwangsverheiratet mit Walter, neben dem sie jahrzehntelang in dem kleinen Dorf Glaubenthal leben musste, hört sie nun endlich, nach dreiundfünfzig langen Ehejahren, die langersehnte Nachricht: Walter ist tot. Nur noch das Begräbnis, dann kann ein neuer Lebensabschnitt beginnen. Doch am Friedhof stellt sich heraus: Da liegt jemand anderer im Sarg!

Thomas Raab ist durch seine „Metzger“-Kriminalromane bekannt geworden, auch durch die Verfilmungen mit Robert Palfrader in der Titelrolle. Mit „Still“ versuchte er es ein wenig ernsthafter, jetzt ist er mit dem Start der neuen Reihe um Frau Huber wieder zu Unterhaltsamerem zurückgekehrt: Neben einem (zum Teil sehr schwarzen) Humor blitzt immer wieder Menschlichkeit und ein wenig Sozialkritik durch. Vor allem die Dialoge der vierjährigen Amelie mit wechselnden Gesprächspartnern aus allen Lebensaltern sind wunderbar. Und so stimmt diesmal der Klappentext: Die Ereignisse um die Ermittlungen der alten Frau sind „spielerisch, humorvoll und herrlich böse!“ (biblio.at)

 

 

Bernhard Aichner – Bösland

Bernhard Aichner kennt man spätestens seit seinem Sonntagsfrühstück auf Ö3. Seine „Totenfrau“-Trilogie war ein riesiger Erfolg, Verfilmungen sind in Verhandlung. Da liegt die Latte für einen neuen Roman ganz schön hoch, doch Aichner hüpft darüber, als wäre es ein Kinderspiel. Sein neues Werk ist ein Psychothriller in Reinkultur: Hohes Tempo, eine abwechslungsreiche Handlung und Bilder, die einem im Gedächtnis bleiben.

Ben wird von seinem Vater mit dem Gürtel geschlagen, die Mutter findet das in Ordnung. Regelmäßig muss er in den ersten Stock des Hauses, ins „Bösland“, um sich misshandeln zu lassen, da im Erdgeschoss ein Jesus von seinem Kreuz blickt. Der einzige Lichtblick in diesem tristen Alltag ist Felix Kux, Sohn des Dorfarztes, der sich gegen jede Wahrscheinlichkeit Ben als Freund auswählt. Und dann taucht noch ein Mädchen auf…

Egal ob Österreich oder Thailand, Ben (und der Leserschaft) bleibt wenig erspart. Über den (wie immer) abgehackten Sprachstil kann man geteilter Meinung sein, aber der Erfolg gibt Aichner recht, und mittlerweile muss man ihm zugestehen, dass er einen eigenen Stil entwickelt hat, der hohen Wiedererkennungswert besitzt. Bei der Handlung wird bestimmt niemandem langweilig und deshalb die klare Empfehlung: lesen! (biblio.at)

 

 

Hans Platzgumer – Drei Sekunden jetzt

Es ist die Geschichte eines Findelkinds, das mitten in einem Marseiller Shopping-Center in einen Einkaufswagen gebettet in der Buchabteilung stehen gelassen wird. Erst als Zehnjähriger erfährt der Bub, von den Adoptiveltern Francois genannt, von seiner unbestimmten Herkunft, was seine rastlose existenzielle Suche nach Identität, Liebe und Teilhabe ausmacht. Vorangestellt sind dem Roman zwei Zitate, die das gedankliche Konzept dieser hinreißend erzählten Geschichte skizzieren. Erstens Charlotta Iwanownas Aussage in Anton Tschechows „Kirschgarten“: „Ich weiß nicht, wie alt ich bin, und habe immer das Gefühl, ich bin jung. Woher ich komme, wer ich bin, wer meine Eltern waren… Ich weiß nichts.“ Zweitens dann Jean Paul Sartres Resümee: „Der Mensch muss sich sein eigenes Wesen schaffen. Indem er sich in die Welt wirft, in ihr leidet, in ihr kämpft, definiert er sich allmählich.“ Beide Statements treffen auf das Findelkind Francois zu, der, kaum erwachsen, vor seinen Pflegeeltern flieht und in einem zwielichtigen Hotel an der Küste von Marseille Unterkunft und Arbeit findet. Sein Chef verwendet den jungen Mann bald für obskure Geschäfte. Dies stört Francois nicht weiter, da er sich in dem wenig frequentierten Hotel wohlfühlt. Als jedoch ein Gast Selbstmord begeht, kommt ihm der Auftrag, geheime Papiere nach New York zu bringen, sehr gelegen. In einer Bar verliebt er sich in eine faszinierende Frau, der er gutgläubig nach Montreal nachreist. Ein Schneesturm bringt ihn beinah zu Tode, bis er schließlich den vorgebuchten Flug nach Hause erreicht. In Marseille angekommen, versucht er, sich eine neue Existenz zu schaffen, die schließlich – wie schon so oft in seinem Denken – „in drei Sekunden jetzt“ mit einem genial verblüffenden Romanende entschieden wird.

Ein spannender, doppelbödiger und atemberaubender Entwicklungs- und Bildungsroman, der mit literarischer Raffinesse und Leichtigkeit die Selbstfindung wie Selbstentwürfe eines sich entwurzelt fühlenden, prototypischen Menschen beschreibt und gleichzeitig die Suche nach dem essenziellen Lebensentwurf thematisiert. (biblio.at)

 

 

Gerald Seymour – Vagabond

Ein Ex-Agent des englischen Geheimdienstes wird von seiner Vergangenheit eingeholt. (DR)

Dies ist der 39. Roman eines Autors, der mit Eric Ambler, John le Carré und Frederick Forsyth zu den ganz Großen des englischen Spionageromanes gehört. Gerald Seymour hat als Reporter kaum ein Krisengebiet auf der Erde ausgelassen. Er war in Vietnam, im Italien der Roten Brigaden, in Afghanistan, im Irak, Iran – und immer wieder in Nordirland. Dorthin kehrt er mit „Vagabond“ zurück.

Die Ausgangslage ist klassisch: Der englische Geheimdienst reaktiviert seinen ehemaligen Mitarbeiter Danny Curnow, um einen Handel zwischen der IRA und einem Waffenhändler aus Russland zu unterbinden. Curnow, der es in seiner aktiven Zeit unter dem Namen „Vagabond“ in Geheimdienstkreisen aufgrund seiner Kaltblütigkeit zu einer Berühmtheit gebracht hat, will eigentlich seine Tage in Ruhe als Fremdenführer an den Stränden Nordfrankreichs verbringen, lässt sich aber von seinem früheren Führungsoffizier Bentinick schnell überreden und wird dadurch von seiner Vergangenheit eingeholt. Was folgt, ist ein blendend recherchierter, äußerst anspruchsvoller Spionageroman, der ohne die Klischees von Superhelden, Weltuntergangsszenarien und futuristischen Massenvernichtungswaffen auskommt.

Bei Gerald Seymour spüren die LeserInnen, dass er historisch umfangreich gebildet ist. Hier ist jedes politische Detail plausibel, jede Figur ist glaubwürdig charakterisiert. Allerdings ist „Vagabond“ keine leichte Kost. Die zahlreichen Protagonisten, viele Rückblenden und Wechsel der Szenarien setzen einige Konzentration voraus. (biblio.at)

 

 

Heinrich Steinfest – Die Büglerin

Tonia wird von ihren vornehmen Heidelberger Kunden für die Präzision und Sorgfalt ihrer Bügelarbeiten geschätzt. Doch keiner weiß, was sich hinter der Fassade der einsiedlerischen, unnahbaren Frau verbirgt: eine promovierte Meeresbiologin, die ihr reiches Erbe bewusst verschenkt hat, um durch die Arbeit als Haushaltshilfe eine (vermeintliche) Schuld abzubüßen. Tonia kann es sich nicht verzeihen, den Tod ihrer Nichte nicht verhindert zu haben. Sie war bei einem Schusswechsel in einem Wiener Kino gestorben – und zwar in unmittelbarer Nähe zu ihrer Tante, die den Mörder zu überwältigen versuchte. Doch dann ereignet sich eine Verkettung merkwürdiger Umstände – vielleicht Zufälle? – die ein neues Licht auf den Amoklauf von damals werfen.

Ein spannendes, skurriles, sprachwitziges und sehr berührendes Buch über Menschen, ihre Obsessionen und über die Unwägbarkeiten des Lebens. Für Leser/innen, die keinen herkömmlichen Kriminalroman suchen und dennoch Freude am Rätselhaften haben. (biblio.at)

 

 

Susanne Jansson – Opfermoor

Nathalie, eine junge Biologin, kehrt nach über 15 Jahren in ihr Heimatdorf zurück, einem kleinen Ort im Südwesten von Schweden. Sie will im nahe gelegenen Moor Bodenproben sammeln. Doch schon bald wird ein junger Mann im Moor erschlagen und damit kehren die tragischen Erinnerungen ihrer Kindheit wieder zurück. Maya, die zweite Hauptfigur, ist Polizeifotografin und Künstlerin und ermittelt zusammen mit Inspektor Leif. Bald schon werden weitere Tote im Moor gefunden. Der Aberglaube, dass im Moor unheilvolle Kräfte vorhanden sind und dass das Moor sich seine Opfer holt, beeinflusst die Menschen in der Gegend und führt zu weiteren tragischen Funden.

Sehr spannender Krimi, in dessen Mittelpunkt das Moor steht. Dieses ist sehr bildhaft beschrieben, sodass man sich der unheilvollen Faszination, die dieses Moor auf die Bewohner ausübt, auch als Leser nicht entziehen kann. Mit den Leichen, die im Moor gefunden werden, erschließt sich so langsam auch die tragische Vergangenheit von Nathalie!

Gruseliger schauriger Krimi für alle! Um die Wirkung zu erhöhen, bitte in einer Gewitternacht oder an einem trüben und nebligen Tag lesen! (biblio.at)

 

 

Arno Geiger – Unter der Drachenwand

Krieg und Liebe, Unterdrückung und Freiheit, Sehnsucht und Verzweiflung im Jahr 1944 unter der Drachenwand am Mondsee. (DR)

Von Mondsee aus hat man einen Blick auf die imposante Drachenwand, an deren Fuß die Ortschaft Schwarzindien liegt. Was sich landschaftlich wie sprachlich so romantisch ausnimmt, steht im Kriegsjahr 1944 unter gänzlich anderen Vorzeichen: Die anfängliche Kriegsbegeisterung ist längst schalen Durchhalteparolen gewichen, Nahrungsmittel und Kleidung werden knapp und aus der Luft droht die Gefahr feindlicher Bomber. Hierher hat es den jungen Soldaten Veit Kolbe verschlagen, der nach schwerer Kriegsverletzung auf Genesungsurlaub weilt. Der Krieg hat ihm seine Jugend gestohlen, mit fatalistischer Interesselosigkeit verfolgt er den Untergang des Reichs.

Bewegung in die lähmende Ereignislosigkeit der in Kälte erstarrten Gegend bringen die Zugereisten und Außenseiter: Da ist der ein Gewächshaus betreibende „Brasilianer“, der seinem Südamerikaaufenthalt nachtrauert und sich das Gefühl von Freiheit und Widerständigkeit bewahrt hat, da ist eine Gruppe aus Wien verschickter Mädchen, in der paramilitärische Ordnung und Liebeserwachen aufeinanderstoßen, und da ist Margot: Die aus Darmstadt stammende junge Mutter ist Veits Nachbarin. Aus wechselseitiger Unterstützung wird eine intensive Liebschaft, aus der Veit nach und nach die Kraft schöpft, sich dem Leben zu stellen, seine neuerliche Einberufung zu sabotieren und das Fangnetz väterlicher Geringschätzung zu durchschneiden.

Kontrastierend läuft im Hintergrund die Parallelgeschichte einer jüdischen Familie, die über verschiedene Stationen ihrer Vernichtung entgegengeht.

Es ist weniger der große Plot, aus dem dieser fantastische Roman seine Kraft bezieht, es ist vielmehr die erzählerische Präzision in der Darstellung von Alltagsabläufen, die einen gefangennimmt. Krieg und Liebe, Unterdrückung und Freiheit, Sehnsucht und Verzweiflung werden nicht erklärt oder vorgeführt, sie wachsen verhalten wie unaufhaltsam zwischen den Tabletten, Schallplatten, Briefen, Zigaretten und dem Waschen der Windeln hervor. (bn.bibliotheksnachrichten)

 

 

Sigi Faschingbauer – Blau

Anfang der Neunzigerjahre gerät der Mathematikstudent David Kordek nach einem Konzertbesuch in eine tätliche Auseinandersetzung mit Burschenschaftern und stößt bei seinen darauffolgenden Recherchen durch Zufall auf das unglaubliche Netzwerk einer europäischen rechtsradikalen Organisation. Jahre später wird David Kordek – mittlerweile ein erfolgreicher Softwarearchitekt und Alleinerzieher einer Tochter mit kognitiver Beeinträchtigung – von seiner Vergangenheit eingeholt: Internetrecherchen führen ihn erneut in die Nähe des Rechtsextremismus, eine Kornblume als Bildlogo führt zur Entschlüsselung eines Codes, die Gewalt eskaliert, Menschen werden getötet, die friedliche Welt, die Kordek für sich und seine Tochter geschaffen hat, zerbricht… Auch in seinem dritten Roman sind Faschingbauers gesellschaftskritisches Engagement und seine wachsame Beobachtung der politischen Verhältnisse evident. Die beklemmende Geschichte des David Kordek schildert Faschingbauer mit der ihm eigenen enormen Kraft und Sprachgewalt, die die Leser/innen unweigerlich in ihren Bann zieht. (Edition Keiper Verlag, Graz)

 

 

Dacia Maraini – Das Mädchen und der Träumer

Der Lehrer Nani Sapienza ist ein gefühlvoller Mensch mit viel Fantasie. Seine Schüler begeistert er für „Alice im Wunderland“. Er ist ein Träumer und er leidet. Seine Tochter starb mit acht Jahren, daran zerbrach letztlich auch seine Ehe. Als er von einem Mädchen in einem roten Mantel träumt, das seiner Tochter ähnlich sieht, beginnt ein ganz besonderer Krimi. Denn am Morgen danach hört er im Radio von Lucia, einem Mädchen, das spurlos verschwunden ist. Sie trug zuletzt einen roten Mantel. Verbissen macht er sich auf die Suche, hört auch dann nicht auf, als die Polizei den Fall längst zu den Akten gelegt hat und die Eltern des Mädchens dessen wahrscheinlichen Tod akzeptiert haben.

Dacia Maraini, die große italienische Schriftstellerin, entwirft ein peinliches Sittenbild unserer Gesellschaft. Von Menschenhandel in Asien und Sextouristen über den radikalen Islamismus, der verschleierte Mädchen als lebende Bomben einsetzt, bis hin zu Pädophilen in der Nachbarschaft spannt sich der Bogen an Möglichkeiten, was Kindern heute alles passieren kann. (biblio.at)

 

 

Wilfried Steiner – Der Trost der Rache

Wilfried Steiner knackt die Empfindsamkeit seines Helden Adrian mit dem rasanten Tod eines Onkologen. Im Roman „Der Trost der Rache“ stirbt der Vater Adrians an Krebs, obwohl er als Onkologe diesen ja vom Wissen her zähmen hätte müssen. Adrian geht es nicht mehr aus dem Kopf, dass wir letztlich nichts wissen und von Dunkelheit umgeben sind. Als Trauerarbeit wird er mit seiner Frau Karin auf die Kanareninsel La Palma reisen, um endlich durch das große Teleskop zu blicken, was seine Hobbykarriere als Astronom veredeln und zur allgemeinen Beruhigung beitragen soll.

In Las Palmas steht vorerst das Weltall weniger im Focus als eine chilenische Vogelkundlerin. Sara lüftet bald ihr Geheimnis, sie ist unter Pinochet gefoltert worden, und ihre Schwester hat man zum Verschwinden gebracht, wie diese schreckliche Fügung heißt. Rund ums Teleskop kommt es schließlich zur Zuspitzung. Der ehemalige Folterer arbeitet als Astronom, ein spanischer Chauffeur entpuppt sich durch ein Tattoo als Angehöriger einer Widerstandsbewegung, die offene Fälle aus Franos Zeiten rächen muss.

Im Kapiteldreischritt Das Verschwinden, Die Verschwundenen, Die Vergeltung kommt es im letzten Teil zum Showdown im wahrsten Sinne des Westernwortes. Bei einer Führung zum Teleskop soll der ehemalige Folterknecht Pinochets erschossen werden. Adrian ist begeistert von dieser Idee, dass man endlich auf der Erde Tabula rasa macht, anstatt ständig in die Unendlichkeit des Weltraums zu glotzen. Wie es bei Attentaten üblich ist, gehen sie ganz anders aus als geplant. Das genaue Ende darf hier nicht verraten werden. (biblio.at)

 

 

Walter Moers – Prinzessin INsomnia & der alptraumfarbene Nachtmahr

Prinzessin Dylia, die sich selbst »Prinzessin Insomnia« nennt, ist die schlafloseste Prinzessin von ganz Zamonien. Eines Nachts erhält sie Besuch von einem alptraumfarbenen Nachtmahr, der sich ihr als Havarius Opal vorstellt. Er kündigt an, die Prinzessin in den Wahnsinn treiben zu wollen. Vorher bietet er ihr noch die Gelegenheit zu einer abenteuerlichen Reise: nach Amygdala, der berüchtigten Stadt der Angst, in der das dunkle Herz der Nacht regiert. Dylia willigt ein, weil es nicht nur um ihren Verstand, sondern auch um ihr Leben geht. Walter Moers erzählt dieses Märchen aus der zamonischen Spätromantik voller skurriler Charaktere mit der ihm eigenen Komik: spannend und anrührend zugleich. (Knaus Verlag)

 

 

Robert Menasse – Die Hauptstadt

Den Beginn dieses sehr feinmaschig gewebten Romans markiert Victor Hugos Sinnspruch, dass Träumen das Glück sei, Warten das Leben. „Fortsetzung folgt“, heißt es abschließend, womit wohl angedeutet wird, dass das ambitionierte Projekt EU ein „work in progress“ sei. Aufgefächert auf etwa zehn Personen (es sind dies eine Handvoll in den EU-Institutionen agierende Figuren sowie der in einem mysteriösen Mordfall ermittelnde Kommissar Emile Brunfaut, der den polnischen Auftragskiller jagt) wird ein diffiziles Bild der Europapolitik in Brüssel und der Mechanismen in ihren Institutionen gezeichnet. Die extrem tüchtige, talentierte und sehr hübsche griechische Zypriotin Fenia Xenopoulou ist, weil bald 40, von inneren Zweifeln geplagt. Sie leitet die Kommunikation im Alibiressort „Kultur“ und hat das „Big Jubilee Project“ an sich gezogen, das das EU-Image verbessern soll. Ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter ist der Österreicher Dr. Martin Susman. Er ist bäuerlicher Herkunft und sein Bruder Florian, ein großer Schweinebauer und Standesvertreter, erwartet von ihm Lobbyismus in Brüssel, damit er Schlachtabfälle wie Schweinsohren an die Chinesen verkaufen darf. Der verwitwete DDr. Alois Erhart, emeritierter Volkswirtschaftsprofessor, soll in einem Think-Tank der Kommission ein Referat halten. Der in ein Altersheim übersiedelte, traumatisierte Holocaust-Überlebende David de Vriend soll für das „Big Jubilee Project“ als Vorzeigefigur kontaktiert werden, denn eigentlich sollte die Union eine richtige Hauptstadt bekommen und die müsse Auschwitz sein. Nationalismus und Rassismus hätten zu Auschwitz geführt – und die Devise „Nie wieder Auschwitz“ sei der Grund für das Einigungsprojekt gewesen. (biblio.at)

 

 

Paulus Hochgatterer – Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war

Während der Alltag zwischen Arbeit und kirchlichen Festen seinen gewöhnlichen Fortgang nimmt, wird die kleine Welt des Leithnerhofes mehr und mehr zum Schauplatz und Spielball des großen Kriegsgeschehens. Als nach einem aus den Trümmern geretteten donauschwäbischen Mädchen mit „Kriegsschaden“ auch noch ein geflüchteter russischer Kriegsgefangener am Hof strandet und kurze Zeit später drei Wehrmachtssoldaten Quartier beziehen, spitzt sich die Lage zu. Am Ende wird der Großvater wortlos handeln.

An den Eingang der Erzählung setzt Hochgatterer als eine Art Motto eine Definition von „Ausnahmezustand“ – und in einem solchen Ausnahmezustand leben sie alle, die hier unter einem Dach zusammenfinden, miteinander leben, einander skeptisch beobachten. Wie jedes Jahr sind die Schwalben zurückgekommen, am Himmel tauchen aber auch Bomber auf, die Kurs auf die kriegswichtigen Nibelungenwerke in St. Valentin nehmen. In kurzen Episoden, dem Kalender folgend, erleben wir zwei Wochen, in denen das Private und der Krieg in ein zunehmend gefährliches Ringen miteinander geraten. Sinniert wird viel, geredet wird wenig, und selbst die Erzählperspektive befindet sich in einer Art Ausnahmezustand, denn berichtet wird meist aus dem Blickwinkel der 13-jährigen Nelli, jener Verschütteten und Kriegsgeschädigten, die sich hinter ihrer Verletztheit doch einen wachen Geist bewahrt hat. Dazwischen eingefügt finden sich kleine Binnenerzählungen – Rettungsgeschichten um ein Kind und einen amerikanischen Flieger zeigen, wie in Ausnahmesituationen kurze Momente über Leben und Tod entscheiden.

Paulus Hochgatterer hat hier einen außergewöhnlichen und beeindruckenden Text vorgelegt: Kleine unverbundene Szenen entwickeln in der Präzision ihrer Erzählung eine Kraft, die einen geradezu nötigt, die verstreuten Erzählsplitter in der eigenen Vorstellung zu einem größeren Zeitspiegel zusammenzufügen. (biblio.at)